Die Kettenreaktion – Was können Sie wirklich?

Ich verrate Ihnen nun etwas persönliches aus meinem Leben, etwas, das eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Oder, so dachte ich zumindest, war es das nie…

Vermutlich werden Sie jetzt alle lachen, wenn ich Ihnen folgendes erzähle: Ich war einmal auf dem Gymnasium und ich war sogar recht gut. Doch bin ich in genau zwei Fächern durchgefallen, nämlich: Deutsch und Geschichte! Ja, dies ist wirklich kein Scherz, es war so. Ich bin danach auf die Realschule gekommen und nichtsdestotrotz habe ich meinen Weg gefunden und er war gut so!

Wir alle kennen den Spruch: „Einstein hatte auch eine Fünf in Physik!“ Nun, ob das so war oder nicht und wer Einstein in Wirklichkeit war, darüber möchte ich heute nicht sprechen. Und dennoch ist da etwas wahres dran: Nämlich an der Diskrepanz zwischen „Talent“ und „Bewertung“! Also lassen Sie sich nicht sofort entmutigen, nur weil ein Herr Professor, Doktor, Doktor Von und Zu, Ihnen nicht die gewünschte Bewertung ausgestellt hat!

Nach meiner Mittleren Reife machte ich eine Lehre, in der ich tot unglücklich war, danach ging ich auf die Berufsoberschule um mein Fachabi nachzuholen, welches ich übrigens nicht schaffte. Tja und dann war ich…arbeitslos! Ja genau: Ich war einer von genau den Typen, die Sie tagtäglich auf RTL 2 bewundern dürfen. Also Menschen, die laut Medien schon Schwierigkeiten haben sollten, mit Messer und Gabel zu essen und ihren eigenen Namen fehlerlos zu schreiben!

Es dauerte nicht lange bis ich eine leichte bis mittelschwere Depression bekam, da mir einfach nicht einfallen wollte, was ich denn eigentlich überhaupt gerne machen würde. Lachen Sie mich ruhig aus, doch ich bin dann tatsächlich zu einer Psychologin gegangen. Ich sag es Ihnen ganz ehrlich, die ganze Therapie, die auch nicht lange dauerte, war Schrott. Doch es war trotzdem genau „eine“ Sache innerhalb dieser Therapie, die vermutlich mein Leben geändert hat. Und zwar meinte meine Psychologin irgendwann: „Warum vergessen Sie nicht einmal für einen Augenblick, dass Sie Geld verdienen müssen und tun nur die Dinge, die Sie wirklich gerne tun oder schon immer einmal tun wollten?“

Ich musste nicht lange überlegen und wusste sofort: Ich wollte schon immer mal etwas mit Obdachlosen machen! Ich war ein Mädel von 20 Jahren und kannte Armut und Leid nur aus Filmen und vom flüchtigen Vorbeigehen an Pennern, auf der Straße! Doch seit ich den Film „Die Geister, die ich rief…“ mit Bill Murray gesehen hatte, und besonders die Szene, in der ein Obdachloser erfror, der nicht hätte erfrieren müssen, wenn Murray ein bisschen gnädiger gewesen wäre, wusste ich, ich möchte mit diesen Menschen in persönlichen Kontakt kommen!

Ich begann also damit, regelmäßig eine Obdachlosen Tagesstätte zu besuchen. Und ich wäre dort vermutlich leibhaftig niemals aufgekreuzt wenn ich gewusst hätte, dass es eine „Obdachlosen Tagesstätte“ ist. Ich hielt es damals, vor meinem ersten Besuch, für eine „Suppenküche“, in der man zwischen 12 und 14 Uhr den Pennern Gulasch auf einen Teller klatscht. Stattdessen war es aber eine richtige Einrichtung mit Drogenberatung, Spielen, Gesang, Gottesdiensten, finanzieller Unterstützung, Kleiderkammer, Streetwork und Arbeitsbereich für „arme Menschen“! Hätte ich das vorher gewusst, so hätte ich vor Respekt den Kopf in den Sand gesteckt und ihn nie wieder da raus geholt!

Ich rief dort an und man sagte mir, ich solle einfach vorbei kommen und genau so wurde ich ins kalte Wasser geschmissen! Da stand ich nun zwischen schlecht riechenden Pennern und Säufern! In diesem einen Moment, in dem mir mein „Irrtum“ bewusst wurde, traf ich eine Entscheidung. Ich entschied mich da einfach einmal durchzugehen! Und am Ende des Tages wusste ich bereits, dass ich am nächsten Tag wieder kommen würde! Und ich kam wieder!

Ich kam am darauf folgenden und dem nachfolgenden Tag und ich kam bald darauf fünf Tage die Woche! Ich lernte diese „Penner“ und „Säufer“ kennen und ich erfuhr Dinge über sie, die ich mir im Traum nicht hätte ausmalen können. Mir war sehr bald klar, dass dies Leute waren wie Du und ich, die einmal ein Leben hatten, einen Beruf, eine Wohnung und zum Teil sogar sehr viel mehr Geld als ich. Doch an irgendeiner Kreuzung hatten sie ihr Leben verloren!

Da begriff ich zum ersten mal, dass es nicht an der „Schlechtigkeit“ dieser Menschen lag, sondern an der Tatsache, dass jeder von uns „einen wunden Punkt“ hat! Was für den einen besonders schlimm ist, ist für den anderen harmlos, insofern kann man die Schicksale nicht miteinander vergleichen! Wunde Punkte sind so unterschiedlich wie Geschmäcker. Doch Fakt ist, wenn es dich genau an diesem Punkt trifft, dann bist du durch! Ich hörte damit auf, diese Leute zu verurteilen und begann damit sie zu verstehen!

Das, was sich daraus ergab, war mehr als man mit Geld hätte bezahlen können. Ich war immer noch arbeitslos, ich lebte vom Staat und dennoch „hatte ich einen Job!“ Und zwar einen guten Job! Ich erledigte ihn fünfmal die Woche, mit dem kleinen Unterschied, dass ich erstens nicht dafür bezahlt wurde und ihn zweitens „mit Freude“ tat! Ich ging mit auf Streetwork, besuchte die Menschen im Knast, im Krankenhaus und an ihren „Wohnorten“! Ich bekam größere Aufgaben zugeteilt und wurde bald zu einer Art „Inventar“!

Meine damaligen Freunde, die wussten, wie schüchtern ich eigentlich war, konnten es kaum glauben. Hin und wieder nahm ich den einen oder anderen mit, mit dem Ergebnis, dass alle sagten: Sie könnten das nicht tun! … Warum habe ich allerdings nie verstanden! Denn es war nicht schlimm. Es war sogar schön! Und es war vor allem schön „eine Aufgabe“ zu haben! Ich fing an zu vergessen, dass ich eigentlich „Geld verdienen“ und mir „einen richtigen Job“ suchen sollte und begann nur noch im Hier und Jetzt zu leben!

Mein Arbeitsvermittler nahm dies sehr positiv auf und sagte mir, dass er mich nicht zwingen würde Stellen anzunehmen, die ich nicht wollte. Im Gegenteil, er fand das so gut, dass er sogar freiwillig vorbei kam und es sich an sah. Ob bewusst und gewollt oder nicht, hielt er mir den Rücken frei bis ich wirklich wusste, was ich wollte! Einfach nur weil er mein Engagement so toll fand!

Nun gut, lange Rede, kurzer Sinn! Es dauerte nicht lange, bis sich zwei sehr erstaunliche Erlebnisse ereigneten. Das erste war meine Begegnung mit „Stefan“. Stefan war ein unglaublich gut aussehender, großer blonder Mann, den ich zuvor noch nie in der Tagesstätte gesehen hatte. Er sprach mit niemandem, schaute immer nur zu mir herüber und schwieg. Anfangs fühlte ich mich geschmeichelt, war er doch in meinem Alter und so gut aussehend. Nach einiger Zeit jedoch wurde er mir unheimlich. Den ganzen Tag verbrachte er schweigend, bis er mich, kurz bevor ich gehen wollte, ansprach und fragte ob wir uns kurz unterhalten wollten. Ich sagte ja und wir setzten uns in den Flur! Er erklärte mir, er sei auf der Durchreise, er schriebe ein Buch über die Zeit und sähe sich ein bisschen um. Nun, er stellte mir komische Fragen, erklärte mir komische Dinge…über die Zeit und darüber, dass alle woanders hin wollten, aber es nur in eine Richtung weiter gehe! Ich wusste, dass es Sinn machte, was er sagte, doch gleichzeitig kam ich mir vor wie ein Idiot der mit einem Genie spricht! Ich konnte seinen klugen Worten einfach nicht folgen! Er verschwand genauso plötzlich wie er gekommen war und leider sah ich ihn auch nie wieder! Doch erst sehr viel später wurde mir die Bedeutung seiner Worte bewusst!

Die zweite Sache ist, dass mein Arbeitsvermittler mich spontan fragte ob ich Lust auf ein Bewerbungsseminar hatte, welches drei Wochen dauerte. Er meinte, ich müsse (im Gegensatz zu anderen) nicht, aber ich könnte. Ich sagte zu und wie es der Zufall so will, wurde die Leiterin des Seminars zu einer meiner besten Freundinnen! Sie schlug mir sofort einen Job vor, der mir total entsprach, den ich aber lange schon aufgegeben hatte. Doch sie blieb hartnäckig und meinte, das könnte immer noch etwas werden! Sie nahm mir quasi alles aus der Hand, ging mit mir Fotos machen und schrieb meine Bewerbung! In diesem Job arbeite ich heute immer noch!

Warum erzähle ich das alles? Weil das Leben ganz eigene Wege hat, die es geht! Nicht immer verstehen wir wofür etwas gut ist und wofür nicht. Nicht immer ist eine „Niederlage“ gleichbedeutend mit „Unfähigkeit“ oder „Verlust“! Manchmal brauchen die Dinge einfach Zeit und manchmal wollen sie auch einfach nur ihren eigenen Weg gehen! Aber letzten Endes bekommt man, mit genügend Vertrauen, Wahrhaftigkeit und gelebten Sein, IMMER das was einem entspricht! Zum Teil auf den kuriosesten und unglaublichsten Wegen! Und wenn mich mein Leben eines gelehrt hat, dann ist es die Tatsache, dass „NICHTS SO IST WIE ES SCHEINT!“ und dass man seinen persönlichen Wert und sein Können, niemals von jemand anderem abhängig machen darf. Wenn wir wirklich für etwas bestimmt sind, dann findet das Leben Wege, um uns dazu zu verhelfen. Alles was wir tun müssen, ist es ZU WOLLEN UND DARAN ZU GLAUBEN!

Und der Schlüssel zum wahren Glück ist nicht immer die Aussicht auf Geld, Erfolg oder Sicherheit, sondern manchmal einfach nur die gelebte EIGENE Natur mit ihren ganz eigenen Fähigkeiten. Es ist ganz oft sogar genau die Tat, die angetrieben wird durch unser „Glücksgefühl“ ohne dass wir dafür eine Gegenleistung erwarten! Denn alleine tun zu dürfen, was wir wollen, macht uns reich! Und wenn wir im Geiste reich sind, dann werden wir es ganz automatisch auch im Leben! Denn alles folgt nur dem einen Grundsatz: Wie innen so außen!

Deshalb: Fragen Sie nicht danach, was Sie bekommen könnten, sondern nur danach, was Sie geben könnten. Verwechseln Sie dabei nicht „Geben“ mit „Verausgaben“ und „Bekommen“ mit „unverdient Erhalten“! Ich garantiere Ihnen: Wenn Sie die von Herzen richtige Entscheidung getroffen haben, dann wird Ihnen das, was Sie geben, automatisch wieder gegeben werden! Dies ist ein Naturgesetz!

Ein Deutsches Mädchen

5 Kommentare zu „Die Kettenreaktion – Was können Sie wirklich?“

  1. Hallo Deutsches Mädchen!
    Ich lese, seit Sie Ihren Block betreiben, alle Ihre Artikel.
    Dieser hier übertrifft alles, was Sie bisher geschrieben haben.
    Er erhält Wahrheit und damit das Vertrauen, daß alles so kommt wie es sein muß.
    Vielen, vielen Dank!
    Sonnenfels

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